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Erektion und Männlichkeit

Es tat mir richtig gut, im Buch von einem Mann den unten folgenden Text zu finden. Mario Spiz bringt das so gut auf den Punkt mit diesem Mythos der absolut zentralen Stellung der Erektion für die Definition von Männlichkeit. Ich hoffe, dass der Text viele Männer dazu inspiriert, ihre Männlichkeit und ihr Selbstverständnis für sich selber auf einen breiteren Boden zu stellen.

«…. Zu meiner eigenen Überraschung musste ich feststellen, dass die Vorstellung – respektive der eigene Anspruch vieler Männer – noch immer gang und gäbe ist, dass echte Männlichkeit nur dann besteht, wenn die Erektion gross, langanhaltend und intensiv ist, weil nur dann die Partnerin restlos befriedigt werden kann. Und ein Mann, der die Frau aufs höchste befriedigen kann, ist der Ur-Typus von männlicher Kraft und des Lebens schlechthin. In meiner therapeutischen Arbeit mit homosexuellen Männern hingegen war die Korrelation zwischen langer Erektion und Männlichkeit, in dieser beschriebenen Form, bislang kaum ein Thema.
Puh, was für ein altes Relikt! Gleichsam überrascht war ich, als ich erfuhr, dass selbst junge, sogenannt moderne und aufgeschlossene Hetero-Männer diesem alten Zopf immer noch nachhingen.
Ich erfuhr, dass erstaunlich viele von ihnen – die meisten waren durchwegs sportliche junge Leute – immer mal wieder Potenzmittel einnahmen, um ihren Mann zu stehen. Und ich staunte nicht schlecht, als ich den Hauptgrund erfuhr:
Es war die Angst, die Erektion nicht lange genug halten zu können. Sie waren hundertprozentig davon überzeugt, dass die jungen, attraktiven Frauen eine «leistungsstarke Erektion» voraussetzen würden, ansonsten die Gefahr bestünde, sie an einen Nebenbuhler zu verlieren. Als ich sie fragte, ob sie jemals mit ihrer Partnerin darüber geredet hätten, blickten sie mich entgeistert und betreten an, so als ob ich gerade eben an einem (entwürdigenden) Tabu gerüttelt hätte. Da war mir klar: Die alten Klischees sind immer noch da, nur modernisiert – dafür aber noch mehr Druck erzeugend. Massgeblichen Anteil hat hierbei auch die Pornoindustrie, die den Männern Dauererektionen abverlangt, die natürlich in den meisten Fällen nur mittels pharmakologischer Hilsfmittel «stehen». Und Frauen werden in der Rolle als eine promiskuitive, dauergeile Spezies präsentiert, die es hart und lange möchte, um den sexuellen Seelenfrieden zu erlangen.»

Auszug aus:
Mario Spiz (2022): Im Banne innerer Machtstrukturen. Die Transformation traumatischer Prägungen, Aggressionen und Schattenbereiche in Ressourcen! Berlin: Lehmanns Media GmbH, Seite 92-93